Glossar: Was bedeutet das alles?

Score

Die zu dramaturgischen Zwecken angefertigte Musik eines Films. Leitet sich ab von „Scoring“, also Notenschreiben – und das tut man ja auch, wenn die Produktion sich ein Orchester leisten kann. Der Begriff umfasst weder Source-Musik noch Songs, die z. B. unter einer filmischen Montage liegen. Die komplette Musik eines Films nennt man dagegen Soundtrack.

Source-Musik

Musik, die im Film eine rationale Begründung hat – im Gegensatz zur dramaturgischen und emotionalisierenden Funktion des Scores. Konkret heißt das: Musik, deren Quelle (Source) man sieht, ahnt oder zumindest glaubt (im Gegensatz zu den tausend Geigen im Boot des einsam dahintreibenden Schiffbrüchigen). Also z. B. Musik aus dem Radio, dem Fernseher oder auch der Song, den ein Pianist auf einer Bühne im Nachtclub spielt. Source-Musik kann eingekauft, aber auch speziell vom Komponisten angefertigt sein. Manchmal ist sie auch teurer als der ganze Score. Angenommen, sie ist von Taylor Swift.

Cue

Ein Musikeinsatz mit Anfang und Ende. Eine Filmmusik kann über hundert, aber auch weniger als zehn Cues haben – je nach Länge und Charakter des Films und den Vorstellungen der Regie. Auch die Länge variiert zwischen wenigen Sekunden und der einer symphonischen Dichtung (wie z. B. John Williams’ Finale für E.T.). Überlange Cues werden allerdings gerne nochmals unterteilt. Beim guten alten Max Steiner (King Kong) hat man allerdings das Gefühl, es gebe nur einen Cue. Die Musik hört einfach nicht auf. Macht man heute nicht mehr.

Spotting

Die wichtigste Begegnung zwischen Regie und Komponist*in. Einsatz, Gestalt und Funktion der einzelnen Cues werden hier anhand einer Schnittfassung des Films so genau wie möglich besprochen. Oft vermittelt die Regie ihre Vorstellungen anhand von Temp Tracks. Dinge, die beim Spotting vernachlässigt wurden, können später viel Zeit, Arbeit und auch Geld kosten. Auch ein gutes Spotting ersetzt allerdings nicht die regelmäßige Kommunikation während der Kompositionsphase.

Layouts

Die ersten Versionen verschiedener Cues, meistens am Computer erstellt. Extrem wichtig, da ihre Abnahme durch Regie bzw. Redaktion die Komponist*in bestätigt und andererseits auch Produktion und Sounddesign ein erstes Gefühl für die Filmmusik bekommen. Manche machen ihre Layouts so brillant, dass sie ein zickiges Orchester beim Recording zur Not nach Hause schicken können. Andere sind es gewohnt, dass die Regie sich auch einen Klavier-Cue oder ein flink zusammengeschustertes Demo in voller Orchesterpracht vorstellen kann. Ich neige zur ersteren Methode – auf die Fantasie von Auftraggeber*innen sollte man sich nicht verlassen. Es wäre auch ungerecht, schließlich werde nur ich für die Musik bezahlt und die anderen für Vieles, aber eben nicht für ein grandioses musikalisches Vorstellungsvermögen.

Temp(orary) Tracks

Setzt die Regie beim Rohschnitt an alle Stellen, wo sie Musik haben möchte. Im günstigsten Fall ist dies eine große Hilfe für die Komponierenden, da sie – wenn die Regie sorgfältig war – genau wissen, wo die Höhepunkte in einem Cue sitzen sollen. Man darf sich allerdings nicht allzu sehr an die Gestalt der eingesetzten Stücke halten, da sie meistens aus anderen Filmmusiken stammen und bei aller Stimmigkeit im Einzelnen auf Filmlänge überhaupt nicht homogen sein können. Hier gilt es, schnell Layouts zu entwickeln, damit sich Regie und Produktion nicht „festhören“.

Teppich

„… und da muss noch ein bisschen was drunter, damit das nicht so leer ist …“ Tatsächlich hilft manchmal ein unauffälliger Musikteppich ohne besondere Akzente, wenn eine Dialogszene eine Nuance zu trocken geraten ist. Kein Grund allerdings, ihn amorph oder langweilig zu gestalten. Im besten Fall entwickelt man einen solchen Teppich aus musikalischen Bestandteilen des restlichen Scores, um die Homogenität des Soundtracks unterschwellig zu fördern. Gute Filmkomponist*innen knüpfen sehr feine Teppiche.

Sounddesign

Hier laufen vor der Hauptmischung alle Tonspuren außer der Musik zusammen. Neben Geräuschen und Atmosphären gibt das Sounddesign jeder Szene einen bestimmten Klang. Ein Raum kann angenehm oder bedrohlich klingen – die Sounddesigner*innen stellen dies durch unterschiedlich konstruierte Hallräume, in denen Sprache und Geräusche erklingen, oder durch beigefügte Klänge, manchmal im unhörbaren Bereich, her. Sounddesigner*innen sind in der Regel mindestens so stolz auf ihre Arbeit wie Komponist*innen, und da ihr Arbeitsbereich in der Regel behauptete Realität ist, die musikalische Komposition jedoch diese Realität emotional transzendiert (zumindest im Score), kann es spätestens bei der Hauptmischung zu blutigen Szenen kommen („… das knallt ja die ganze Melodie zu!“, „… es donnert aber immer nach einem Blitz …“, „Ja … jetzt donnert es aber auch schon fünf Minuten, die Leute wissen doch, das Gewitter ist …“).

Abnahme

Voraussetzung für ein gutes Gefühl aller Beteiligten – und für die Zahlung des Honorars. Der Score muss von Regie und Produktion abgenommen werden. Das kann manchmal dauern, wenn nach der Hauptmischung noch Szenen geändert werden oder Produktion und Regie sich nicht einig sind. Im Zweifelsfall ist die Musik abgenommen, wenn der Film im Kino oder im Fernsehen läuft.

Hauptmischung

Hier fügt sich aller Ton zusammen: Score, Source-Musik, Sounddesign, Geräusche, Originaltöne und natürlich der Dialog. Manchmal tobt hier der Kampf der Egos – Sounddesign und Musik laufen nun einmal parallel, und oft geht es gleichzeitig auch noch um Sprachverständlichkeit. Im Zweifelsfall entscheiden Regie und Mischtonmeister*in über das Mischungsverhältnis. Es hilft, wenn man sich auch beim schönsten Cue klarmacht, dass es ihn ohne den Film nicht gäbe. Also kann er auch nur in Ausnahmefällen im Vordergrund stehen. Die Hauptaufgabe ist die eines Nebendarstellers. Der Film macht die Musik.

Krise

Gibt’s bei jedem Film. Gerade wenn man denkt, diesmal läuft alles glatt – Zeitplan und Budget eingehalten, ohne Schreibblockade eine Woche vor der Hauptmischung durchgekommen, ausnahmsweise mal was verdient – zack, wird der Film nach den ersten Test-Screenings komplett umgeschnitten und zwanzig Minuten gekürzt. Kein Cue stimmt mehr, die Szene mit dem schönen Hauptmotiv ist raus, und bitte alles neu und gut, am besten bis gestern. Krise halt.

Warum hab ich nicht was Richtiges gelernt …